{ Das Wettangeln: Letzte Erzählung von Siegfried Lenz erschienen }

Wettangeln_Cover

Die Erzählung Das Wettangeln ist der letzte Text, den Siegfried Lenz zu Ende schreiben konnte.

Mit seinen drei eindrucksvollen Novellen und Erzählungen Schweigeminute, Landesbühne und Die Maske schien er sein Prosawerk im Jahr 2011 abgeschlossen zu haben: nach allen großartigen und wirkungsmächtigen Romanen legte er zwischen seinem achtzigsten und fünfundachtzigsten Geburtstag ein wunderschönes Liebesbuch, eine groteske Gefängniskomödie und einige Erzählungen vor, die noch einmal sämtliche Themen seines Schreibens ausmaßen; keiner der Texte könnte einem anderen Schriftsteller als Siegfried Lenz zugeschrieben werden und die Jugendlichkeit und Experimentierfreudigkeit dieser letzten Bücher stand in einem eigentümlichen Gegensatz zu seiner schwindenden Physis.

Und so erleben wir Siegfried Lenz in seiner letzten Erzählung gleich doppelt. Der preisgekrönte Turmspringer, der nun an den Rollstuhl gefesselt ist und der wache Junge, der ihm bei seinem Sturz beispringt und den das Glück am Wettangeln teilnehmen und dadurch dem schönen Mädchen näher kommen lässt, sie sind ein und dieselbe Person. »Ich lernte fischen und schwimmen bevor ich lesen lernte. Der ruhige See weihte mich in seine Geheimnisse ein …« So erinnerte sich der Dichter in der Mitte seines Lebens an seine Kindheit in Masuren. Der Lycker-See prägte ihn wie nichts anderes, er »gewährte sanfte Abenteuer«. Und so nimmt die Auswahl des Orts wie des Personals seiner letzten Geschichte nicht Wunder: es braucht den See in Thorshafen, damit Anja und ihr junger Freund zusammenkommen können im Schilf, wie schon Stella und Christian in der Schweigeminute ohne das Wasser des imaginären Städtchens Hirtshafen kein Liebespaar geworden wären.

Das Wettangeln entstand während seiner letzten zwei Lebensjahre. Den Schmerzen, die ihm zunehmend die Energie zum Schreiben nehmen wollten, trotzte er sein tägliches Arbeitspensum ab. Briefe wollten geschrieben und beantwortet, wichtige Entscheidungen, sein immenses Werk betreffend, mussten getroffen, sogar weite Reisen unternommen werden. Und wann immer es ging, empfing er Freunde und Bewunderer aus aller Welt. Ohne seine Frau Ulla, der Das Wettangeln gewidmet ist, wäre das allermeiste nicht mehr möglich gewesen. Die Rückzugsorte in Hamburg und Dänemark und die Fürsorge der Familie erlaubten es ihm, täglich das zu tun, was seine wahre Leidenschaft war: möglichst viel Zeit am Schreibtisch zu verbringen – und dabei die Pfeife nicht ausgehen zu lassen.

Günter Berg

Im Stern sowie im Focus wird berichtet.